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Im Schatten des Hochofens 

Arbeiter, Konzernchefs und Industriereiniger finden alle ihren Platz in der Stahlindustrie – für die einen ist die Lage prekär, die anderen hoffen auf die Zukunft

Duisburg. Es ist ein Bild der Gegensätze, das sich am Alsumer Berg im Norden Duisburgs abzeichnet. Steht man am Gipfelkreuz, zwitschern heute auf einem grün bewachsenen Trümmerberg der Nachkriegszeit Vögel im Singsang. Es nieselt leicht, die Luft ist erfüllt vom Duft der Gräser und Bäume. In der Ferne bäumt sich eine zehn Quadratkilometer große Kulisse der Schwerindustrie auf – das Stahlwerk von Thyssenkrupp. Unter das Vogelgezwitscher mischt sich ein alles durchdringendes Brummen. Es zischt, kracht und raucht. Flammen züngeln aus einem Schornstein, dichte Dampfwolken steigen aus dem Löschturm der Kokerei Schwelgern in den Himmel. Ein Wirrwarr aus Rohrleitungen, Türmen und Hochöfen, in denen 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche Roheisen für die Stahlproduktion gekocht wird – die das Leben der Menschen bis heute prägt. 

Das Werk von Thyssenkrupp ist der größte Stahlstandort Deutschlands und einer der größten weltweit. In Duisburg wird an den sinnbildlichen Stützen der Gesellschaft gearbeitet. Letztlich umgibt Stahl uns alle: in unseren Wänden, Autos, Zügen, Maschinen, Kochtöpfen, Wasser-, Gas-, und Stromleitungen. Für Deutschland ist der Stahl wirtschaftlicher Anker, für die EU eine geopolitische Notwendigkeit. Doch die Stahlproduktion ist dreckig, teuer und gefährlich. Pro Tonne Stahl werden bis zu zwei Tonnen CO2-Emissionen produziert. Die Stahlindustrie gehört mit neun Prozent der weltweiten CO2-Emissionen zu den schmutzigsten Industrien überhaupt. Hinzu kommt, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland schwächelt, der Umbau auf grünen Stahl läuft schleppend. Thyssenkrupp kämpft seit Jahren mit tiefroten Zahlen. Am liebsten will Konzernchef Miguel López die Stahlsparte ausgliedern und verkaufen. Monatelang wurde mit dem indischen Konzern Jindal Steel über einen Verkauf verhandelt – Anfang Mai wurden die Verhandlungen auf Eis gelegt. 

Wirtschaftspolitik ist das eine. Doch Stahl bedeutet auch Menschen – hart arbeitende Menschen. Einer davon: Serkan Tasören. Er macht seit 2024 eine Ausbildung bei Thyssenkrupp zum Verfahrenstechnologen in der Fachrichtung Metallurgie. Der 21-Jährige lernt das Stahlkochen. Schon jetzt arbeitet er in „Vollkontischicht“ – sechs Tage Arbeit, vier Tage frei, zwei Frühschichten, zwei Tagschichten und zwei mal Nachtschicht. Tasören arbeitet im Epizentrum der Stahlproduktion: der Flüssigphase. Nachdem in den beiden rund 100 Meter hohen Hochöfen Schwelgern 1 und 2 bei 2000 Grad Eisenerzbrocken – Stahlkocher nennen sie „Möller“ – mit Koks und heißer Luft zu einer zähflüssigen Masse zusammengeschmolzen sind, steht Tasören am Geburtsort der Stahlproduktion: dem Abstich. Mit einem Bohrer öffnen Tasören und seine Kollegen mit feuerfester Stopfmasse verschlossene Öffnungen am Boden des Hochofens. Das noch 1500 Grad heiße flüssige Roheisen bahnt sich seinen Weg durch die Abflussrinnen. Ein mystischer Moment für die Stahlkocher – aber auch ein gefährlicher. Flüssiges Roheisen und Schlacke können tödliche Verbrennungen verursachen, Gase treten aus, Verpuffungen und Explosionen lauern.

Vom Stahlkochen abhalten kann das Serkan Tasören nicht. Seine Mutter macht sich natürlich Sorgen. „Feuer und Thyssen ist gefährlich“, zitiert er sie. Dennoch stehe seine Familie hinter ihm, erzählt er. Der angehende Metallurge ist ein Beispiel für die jahrzehntelange Verwebung von Stahlindustrie und Menschen in Duisburg. Als Sohn türkischer Einwanderer lebt Tasören heute im Stadtteil Ober-Marxloh. Schon sein Onkel hat 45 Jahre für „Thyssen“ auf dem Buckel. Sein Vater war in den 90ern auf dem Werksgelände tätig. Cousins, Freunde, Bekannte – die Verbindungen zum Stahl sind immer da. 

Rund 90 000 Menschen arbeiten in Deutschland direkt in der Stahlproduktion, 25 000 davon bei Thyssenkrupp. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kam jedoch zu dem Ergebnis, dass hierzulande etwa 5,5 Millionen Menschen in stahlintensiven Wertschöpfungsketten arbeiten – rund zwölf Prozent der Arbeitsplätze der deutschen Gesamtwirtschaft. 

Für die Belegschaft von Thyssenkrupp sieht es dennoch düster aus. Auch nach jahrelangen Kämpfen müssen sie bis 2030 herbe Einschnitte hinnehmen: 11 000 Stellen werden abgebaut oder ausgelagert, Gehälter gekürzt, Sonderzahlungen gestrichen. Währenddessen wurden Anfang des Jahres 93 Millionen Euro an Dividenden an Aktionäre ausgeschüttet, López erhielt eine Gehaltserhöhung von einer Million Euro. Geld, das für die Umstrukturierung fehlt. 

Der Stellenabbau treibt auch Tasören um. Mit einer derart spezialisierten Ausbildung gibt es danach wenig andere Möglichkeiten, als Stahl zu kochen. „Aber es muss ja jemand kommen, der andere ersetzt – ohne Stahl gibt es nichts auf der Welt.“ Wenn Tasören über das Stahlkochen spricht, leuchten seine Augen. „Ofen ist gleich Serkan“, sei ein Witz, den seine Kollegen und Mitschüler über ihn machen. Die sichere Zukunft, die eine Ausbildung bei Thyssenkrupp einmal versprach, ist Vergangenheit. Sollte Serkan nicht übernommen werden, wird er vielleicht bei seinem Vater arbeiten. Der hat ein Lebensmittelgeschäft und stellt selbst türkischen Käse her. 

Jugendvertreter der Gewerkschaft IG Metall Duisburg-Dinslaken, Mohamed Al Kadi, hat mit solchen Sorgen täglich zu tun. Bei den Azubis herrsche „Zukunftsangst“, sagt er. Al Kadi spricht nicht nur über Thyssenkrupp. Auch die Azubis bei den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann (HKM) und ArcelorMittal vertritt die Gewerkschaft. Arbeitgeber sollen aktuell vermehrt Grauzonen ausloten, um sie am Ende ihrer Ausbildung nicht mehr übernehmen zu müssen. Die bestandene Prüfung und persönliche Eignung entscheiden über die Übernahme. Wer nicht ständig abwesend ist, erfüllt diese Kriterien. Einer der Betriebe versucht nun laut Al Kadi, die persönliche Eignung neu zu definieren. Krankheitstage sollen nicht mehr über die gesamte Ausbildungszeit zusammengezählt werden. Nun gelte: Ein Krankenschein im Monat gilt als Fehlmonat, auch wenn das nur ein Tag ist. Bei Thyssenkrupp ist diese Praxis laut Angaben des Konzerns nicht bekannt. Eine andere Methode ist Al Kadi zufolge, Azubis über Subunternehmen mit Leiharbeitsverträgen im Betrieb weiterzuführen. 

Leiharbeit. Subunternehmen. Die Begriffe wabern als gespenstische Erzählung in den Rauchwolken über Duisburg. Ein Festvertrag im Stahlwerk bedeutet Sicherheit. Auch wenn der Job hart ist. Taucht man tiefer ein in die Strukturen der Stahlindustrie, so blickt man auf ein undurchdringliches Myzel an Subunternehmen, rechtlichen Graubereichen, Schwarzarbeit und Arbeitsbedingungen, die Fragen aufwerfen. Dem Proletariat nachgelagert befindet sich eine soziale Klasse, die der Arbeitsökonom Guy Standing als „Prekariat“ definiert: Eine zunehmend durchflexibilisierte Arbeiterschaft, die in einem deregulierten und von Unsicherheiten geprägten Arbeitsmarkt irgendwie ihren Lebensunterhalt bestreiten muss. Die türkischen Gastarbeiter von früher sind heute gut ausgebildet, in unbefristeten Festverträgen, besetzen die wichtigsten Posten in den Betriebsräten und ihre Kinder machen wie Serkan Tasören eine Ausbildung. Neu dazugekommen sind seit der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU seit 2014 in Duisburg vor allem Menschen aus Bulgarien und Rumänien. Sie prägen gemeinsam mit der türkischen Community heute den Duisburger Stadtteil Marxloh.


Über Stahl in Duisburg sprechen, heißt auch über Marxloh sprechen. Es ist der Stadtteil, der gerne als „No-Go Area“ in den Schlagzeilen steht. Kriminalität, Gewalt, Armut, postindustrieller Verfall. Am Ende ist es ein Ort, der wie kaum ein anderer von der Stahlindustrie geprägt ist. Steht man im Schwelgernpark, schlägt der „Schwarze Riese“ – wie der Hochofen Schwelgern 1 auch genannt wird – seinen Schatten auf die Parkanlage. Auch über dem Park schweben die Dampf- und Rauchschwaden hinweg. Im Zentrum von Marxloh stehen neben teuren Brautmodeläden Geschäfte, die für kleines Geld Arbeitskleidung verkaufen. Kleidung in Neonfarben und Stahlkappenschuhe oder lieber doch einen maßgeschneiderten Anzug? In Marxloh ist für jeden was dabei. 

Auf den Straßen findet Leben statt – aber auch Überleben. Serkan Tasören sagt, die Angst vor Marxloh sei überdramatisiert. „Wieso sollte man Angst haben vor Menschen, die einfach versuchen, hier zu leben?“ Das mit dem Leben gelingt einigen besser als anderen. So wie es im Stahlwerk ein zweischichtiges System zwischen einer Kernbelegschaft und einem Niedriglohnsektor von Arbeitern in Subunternehmen gibt, gibt es auch in Marxloh Menschen, die unter dem Radar in verfallenen Häusern auf engstem Raum und auf der ständigen Suche nach Arbeit ihren Alltag bestreiten. Manche von ihnen, die Arbeit im Stahl finden, kehren nicht mehr vom Werk zurück.

Anfang 2025 kommt es im Oxygenstahlwerk von Thyssenkrupp zu einem tödlichen Unfall. Ein 31-Jähriger, angestellt über einen Subunternehmer, klemmt sich mitten in der Nacht mit einer Arbeitsbühne zwischen einem Sicherungsgeländer und der Decke ein und stirbt. Seit 2010 hat es 14 tödliche Unfälle im Thyssenkrupp-Werk gegeben. Der prominenteste Fall ist der des 26-jährigen Bulgaren Refat Syuleyman. Er erstickte 2022 bei Reinigungsarbeiten für ein Subunternehmen in einem Schlackebecken. Erst drei Tage später wurde seine Leiche entdeckt. Der Vorfall löste eine Welle der Empörung aus, die migrantische Community politisierte sich. Der Tod Syuleymans war die Geburtsstunde eines Klassenbewusstseins in Duisburg, das dem Prekariat nach der Theorie von Guy Standing für gewöhnlich fehlt. Geändert hat sich seitdem wenig. Der Fall von Syuleyman wurde von den Behörden zu den Akten gelegt und nie als Arbeitsunfall anerkannt – Entschädigungszahlungen an seine Familie entfallen. Thyssenkrupp prüft Subunternehmer, die in Unfälle verwickelt sind. Doch der Konzern scheint angesichts der undurchsichtigen Arbeitsverhältnisse wenig ausrichten zu können. 

Immer noch warten am frühen Morgen Menschen in Marxloh und Umgebung an Orten, die hinter vorgehaltener Hand als „Arbeiterstrich“ bezeichnet werden. Menschen, die auf Zuruf einfachste Arbeiten erledigen: Industriereinigung oder Abfallentsorgung. Doch mit ihnen zu sprechen ist schwer. Das Misstrauen ist groß. Einer, der einen Einblick geben kann, ist Philipp Lottholz vom Verein „Stolipinovo in Europa“. Der Verein setzt sich für migrantische Arbeiter ein – meist aus Bulgarien und Rumänien. Der Name geht auf das Viertel Stolipinovo in der bulgarischen Stadt Plowdiw zurück, das auch als größtes „Roma-Ghetto“ Europas rassistisch stigmatisiert wird. Von dort treten viele den Weg nach Duisburg an, um ein besseres Leben zu finden.

Hier angekommen, geraten sie laut Lottholz oft in „Schneeballsysteme“ wirtschaftlicher „Graubereiche“. „Sie übernehmen die schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten“ – das Putzen von Hochöfen in großer Höhe ohne Sicherheitseinweisungen etwa. An die Arbeit kämen viele durch Bekannte. Die Arbeitssuche im öffentlichen Raum gebe es immer noch, sie verlagere sich aber zunehmend durch Messenger-Dienste in Online-Netzwerke. „Wenn man einmal drin ist, sind die Firmen miteinander verbunden.“ Subunternehmer vermitteln Arbeiter vor Ablauf der Probezeit aktiv weiter – um ihnen keinen unbefristeten Vertrag anbieten zu müssen. Dabei arbeiten viele nicht per se schwarz, oft sind es Minijobs oder Teilzeitverträge. In Wahrheit wird aber mehr geschuftet. Bezahlt wird bar auf die Hand – oft aber auch gar nicht. 

Was aus Stahlwerken werden kann, wenn die Öfen ausgehen, kann man im Duisburger Landschaftspark-Nord erleben. Wo bis 1985 Stahl gekocht wurde, sind heute Konzerte, Kletterhallen und Europas größtes künstliches Tauchzentrum. Der erloschene Hochofen 5 ist ein Aussichtsturm. Klettert man den 70 Meter hohen Ofen nach oben, bietet sich dem Besucher mal wieder: ein Panorama der Schwerindustrie – nur mit etwas mehr Grün dazwischen. Die rostroten Stahlflächen zieren Graffitis und Kritzeleien aller Art: Liebesbriefe, Tagebucheinträge und Lebensweisheiten. Ein funktionalistischer Industriekomplex wird zur freien Projektionsfläche, die interpretiert und bespielt werden möchte. 

Drei Männer stehen dort auf einer Plattform. Aus dem Irak seien sie, sagt einer in gebrochenem Deutsch. Sein Sohn hilft beim Übersetzen. Auf die Frage, ob der Vater vielleicht bei Thyssenkrupp arbeitet, folgt erst ein Nein. Der Sohn klopft auf ein Stahlgeländer. „Er arbeitet da, wo Stahl gemacht wird“, sagt er. Der Vater, nennen wir ihn Arif Khalid, zeigt in die Ferne. „Da hinten.“ Er zeigt auf das Werksgelände von Thyssenkrupp. Khalid arbeitet eben doch bei Thyssenkrupp, für einen Subunternehmer. Den Namen der Firma, für die er letztlich tätig ist, scheint er nicht einmal zu kennen. Als „sauber machen“ bezeichnet er seinen Job als Industriereiniger. Im gesamten Ruhrgebiet sei er unterwegs, Bochum, Dortmund, überall wo er gebraucht wird. Ein Freund rufe ihn an, wenn es etwas zu tun gebe. 

Vor kurzem habe er bei der Arbeit nach einem Stromschlag 20 Minuten auf dem Boden gelegen, erzählt sein Sohn und ahmt dabei seinen Vater nach, wie er vom Stromschlag erwischt wurde. Die Männer scheinen sich darüber zu amüsieren. Das sei aber nicht in Duisburg gewesen, sondern in Bochum, so Khalid. 14 Euro netto bekomme er in der Stunde. Wie er das genau meine mit „netto“? Die Hälfte werde überwiesen, die andere Hälfte werde in bar bezahlt, erzählt er und tippt auf seine Hand. Khalid arbeitet letztlich unter der Hand, wie so viele andere auch in der Industriereinigung. Im Irak sei er Lkw-Fahrer gewesen. Auch in Deutschland wolle er wieder fahren. Doch er habe den Sprachtest nicht bestanden. 

Am Ende sitzen alle im selben Boot, nur an unterschiedlich guten Plätzen – manche am Steuer, andere mit Rettungswesten, wieder andere können kaum schwimmen. In Brüssel bemüht sich die EU den europäischen Markt vor Billigimporten zu schützen, der Staat unterstützt Thyssenkrupp beim Umstieg auf grünen Stahl. Miguel López versucht den Konzern unter sozialen Verlusten aus den roten Zahlen zu ziehen. Serkan Tasören hofft am Ende seiner Ausbildung einen Arbeitsvertrag in der Hand zu halten. Arif Khalid reinigt weiter Industrieanlagen und hofft, wieder Lkw zu fahren. In den Hochöfen wird weiter Stahl gekocht, 24 Stunden und sieben Tage die Woche. Die Vögel am Alsumer Berg zwitschern unbekümmert.